Abendland: Nachspiel

Und dann macht man einfach weiter und schließt einen Pakt, der die eigenen Werte verrät. Tatsächlich hat sich Europa mit dem Türkei-Deal selbst entblößt. Ja, es ist ein Fortschritt, dass sich die europäischen Staaten in der Flüchtlingskrise auf irgendwas geeinigt hat. Dass es aber der Ausverkauf der europäischen Werte ist, ist beschämend und traurig.

Besser hätte man daran getan, drei Milliarden Euro direkt in Griechenland zu investieren, um dort eine funktionierende Aufnahme- und Steuerungseinheit zu installieren statt ein Regime zu stabilisieren, das die europäischen Grundwerte offensichtlich nicht teilt.

Vielleicht aber mache ich es mir zu einfach. So erscheinen mir die Entscheidungen, die man auf einer humanistischen Basis treffen müsste, einleuchtend und leicht zu fällen, obwohl sie ja offensichtlich den Menschen, die über die Zukunft Europas entscheiden, nicht ansatzweise in den Sinn kommen.
Vielleicht liegt aber genau da der Fehler: wir Bürger Europas lassen Politiker über die Zukunft des Kontinents entscheiden, die an dieser Zukunft keinen Anteil mehr haben werden.

Ein Abendland-Märchen

So geht das: Ein Volk, von den Göttern gesegnet, aber nicht saturiert von Reichtum und Reich, sucht nach der Quelle allen Glücks. Die Gesegneten erobern Land um Land, knechten Volk um Volk, doch vom Glück fehlt jede Spur. Sie finden es erst bei Menschen, die tagtäglich auf ihren Feldern die Früchte ihrer Arbeit ernten und sich ihrer selbst genug sind. Die Gesegneten suchen das Glück den Glücklichen zu rauben, doch alle Angriffe schlagen fehl. Und da die Götter ihren Segen einmal geben und zweimal nehmen, ist die schmachvolle Niederlage nicht die einzige Strafe des Hochmuts: Das glanzvollste Reich der Welt geht unter innerhalb eines Tages und einer unglückseligen Nacht.

Dieses Reich taucht erstmals in einer Erzählung Platons auf. Es handelt sich um die sagenhafte Insel Atlantis, deren Herrscher von Poseidon, dem Gott des Meeres selbst abstammen sollten. Der Reichtum von Atlantis ist so legendär, dass selbst Jahrtausende nach seinem Untergang noch immer Schatzsucher nach seinem Verbleib forschen. Die Gier, die diese Menschen antreibt, überdeckt symptomatisch das wichtigste Detail an Platons Geschichte: Atlantis ist untergegangen, weil die Atlantiden nicht das Glück erkannten, das sie besaßen. Die Götter, die ihren Segen gegeben hatten, nahmen ihn zurück, als klar wurde, dass die Menschen ihn nicht schätzten. So geht das.

Jetzt fragt Ihr: Wolfgang, was für ein Märchen erzählst Du uns da in einer Zeit, da man Worte wie Volk, Heimat, Vernichtung und Untergang spärlicher dosieren sollte als Tonkabohnen-Abrieb? Präziser und berechtigter müsstet Ihr fragen: Hä?

Platon berichtete von Atlantis, weil ihn das Hegemoniestreben Athens sorgte. Mich dagegen erinnert an Atlantis der vielfach (und fälschlich) beschworene Untergang des Abendlandes. Der Kern unserer Botschaft aber ist derselbe: Wer ignoriert, dass der wahre Wert einer Gesellschaft sich nicht in Land und Geld und Macht bemisst, sondern in der Stärke und dem Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft, riskiert den Zerfall und Untergang eben jener Gesellschaft. Nach Platon nahmen die Götter ihren Segen, mir scheint wahrscheinlicher, dass jenen, die alles besaßen, alles zu wenig war. Weil sie nicht verstanden, wie gut es ihnen ging, gierten sie nach mehr und verloren alles.

Schön und gut, sagt Ihr, Atlantis ist ja nun weg und Platon tot. Was ist mit dem Abendland? Wann geht das genau unter, wir haben nämlich noch einen Friseurtermin nächste Woche. Können wir den Untergang des Abendlandes nicht timeshiften und ihn uns an Ostern ansehen statt „Stirb langsam“?

So geht das nicht. Das Abendland geht, sofern überhaupt existent, jetzt unter. Jeder Brandanschlag, jeder Hasskommentar, jeder Galgen versenkt ein Stück des Abendlands. Das Abendland geht unter, weil einigen Menschen nicht das Herz bricht angesichts von Waisen, die nach 3000 km Flucht in mazedonischem Stacheldraht sterben. Weil einigen Menschen tausende Tote im Mittelmeer nicht reichen. Weil einige Menschen aus Angst vor Terror selbst zu Terroristen werden. Sie vergessen das Fundament der freien und offenen Gesellschaft dieses Abendlands. Sie vergessen ein Gut, das so wichtig ist, dass sein Schutz im Grundgesetz verankert ist: Die unantastbare Würde des Menschen.

Was derzeit in Europa geschieht, gleicht einem Unfall in Zeitlupe. Das atlantide Europa, dem es nach blutigen Jahrhunderten gelungen ist, sich auf der Basis der Menschenwürde eine friedliche und reiche Heimat zu erbauen, zerfällt in narzisstische Nationalstaaten, die sich gegenseitig die Schuld für den Verlust des Glücks zuschieben. Als Zuschauer ist man entsetzt, seit Wochen und Monaten unfähig zu einer Reaktion, während diejenigen, die schon immer laut sein wollten, ihre Stunde für gekommen sehen. Sie aber werden weder das von ihnen verhasste Europa retten noch die darin verwurzelte Würde. Doch kein Hass der Welt wird das Abendland retten. So geht das nicht.

Was also tun, fragt Ihr? Ich weiß es noch nicht. Aber klar ist: Schweigen alleine wird die Stimmung nicht wandeln. Wir, die lange geschwiegen haben, werden wieder unsere Stimme erheben müssen, um unsere Werte, allen voran die Würde des Menschen, zu verteidigen. Anders wird es nicht gehen.

Gesellschaftsversagen: Der Französischkurs

Im montäglichen Französischkurs mündete die Betroffenheit über die Vorfälle von Paris rasch in eine hitzige Diskussion, in deren Verlauf die beiläufige emotional-moralische Einordnung der Teilnehmerin A. (72) als ignorante Kuh den Teilnehmer R. (63) beinahe seinen rechten Arm gekostet hätte.
Natürlich war die Thematik zu schwer für den Französischkurs. Politische Meinungen in der eigenen Sprache zu formulieren ist ja oft schon schwer genug. Soll man dann auch noch in einer Fremdsprache sachlich zu argumentieren: ein Höllenritt.

Teilnehmer W. (35) war an der Eskalation nicht unschuldig. Hätte er nicht geradebrecht, les jeunes hommes qui veulent être des terroristes sont les perdants de la mondialisation qui n’ont rien à perdre, hätte A. nicht sehr bewegt argumentiert, les hommes qui viennent maintenant de la Syrie a l’Europe ne sont pas intégrés et neuf sur dix n’ont pas de travail. Ce sont eux qui sont les terroristes de demain.
Während W. noch an les réfugiés ne sont pas les terroristes, ils fuissent à cause des terroristes bastelte, hatten sich R. und A. schon ineinander verbissen.
Nur unter Androhung einer vierseitigen Strafarbeit konnte Kursleiterin F. (46) die Streithähne das Streitgeflügel wieder voneinander trennen, die Stimmung aber war nachhaltig gestört. Während einer dreiminütigen Gruppenarbeit über die Vorteile von Leihfarrädern zerbrach A. den Lieblingsbuntstift von R., der seine Besonnenheit ausschließlich dadurch bewies, seine Rache verzögert zu servieren: unter dem Vorwand, das Fenster schließen zu wollen, erhob er sich eine Viertelstunde später und entfernte, als er A. passierte, mit raschem, aber bewundernswert präzisem Schnitt seiner Bastelschere den Dutt der Zweiundsiebzigjährigen, die sich nach einer halbe Sekunde in Schockstarre auf R. stürzte und ihm die Bastelschere entwand. Die darauffolgende Rangelei konnte nur der beherzte Einsatz eines Feuerlöschers beenden, der Kurs wurde abgebrochen, R. mit der Bastelschere im Arm ins Krankenhaus gebracht.

A. ist weiterhin auf der Flucht. Die Volkshochschule bittet um Ihre Mithilfe. Falls Sie einer mit Feuerlöschschaum besprühten älteren Dame mit amputiertem Dutt begegnen, sprechen Sie sie nicht an (vor allem nicht auf französisch), sondern wenden sich bitte an die nächste Niederlassung Ihres Bildungsinstituts.

Gesellschaftsversagen: Paris

Jean Juillen: Peace for Paris
Das Zeichen der Solidarität mit Paris
© Jean Jullien
Gestern Abend ein weiteres Symptom des Gesellschaftsversagens: ein Blutbad in Paris, verursacht durch bewaffnete Kriminelle. Man nennt sie Terroristen, der selbsternannte Islamische Staat reklamiert die Taten für sich als Rache für das französische Engagement in Syrien, François Hollande überhöht die Taten zum Kriegsakt. Die internationalen Medien befinden sich wieder im reflexhaften Rausch der Eventberichterstattung.

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Verantwortung und Macht

Soeben ist mir klargeworden: ich habe versagt, meiner Verantwortung der Welt gegenüber gerecht zu werden. Ob das nicht ein bisschen zu viel Pathos ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Urteilt selbst.

Doch zunächst muss ich ausgreifen und zwei Menschen zitieren: Joss Whedon und Yanis Varoufakis. Beide haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun, tatsächlich aber haben beide etwas über Macht und Machtlosigkeit zu sagen.

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ESC me Baby one more time

Huch! Bing präsentiert mir eine Vorhersage, wer beim ESC gewinnen wird. Schweden, Russland und Italien belegen demnach die ersten drei Plätze. Albanien, Australien, Estland, Griechenland, Rumänien, Belgien und Finnland schließen die Top Ten. Das kann ich ja fast nicht glauben. Aber schauen wir erst mal, was heute Abend passiert, da ist nämlich das erste Halbfinale, vielleicht fliegen da Griechenland und Russland schon gleich wieder raus.

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