Da sitzen sie dann

Wie sie aufsteigen mit schnell schlagenden Flügeln, der ganze Schwarm, aufgeschreckt durch das Knallen und Knattern eines Motorrads, wie sie vor dem Auspuff-Stakkato fliehen, dann nach einer rauschenden Kehre fast fallend herabsinken in die Apfelbäume, knapp vor dem Aufprall auf den Ästen doch noch abbremsen. Da sitzen sie dann, melancholisch einander zuflötend, bis einige, die vielleicht mutiger oder nur vergesslicher sind als die übrigen, wieder hinab auf den Boden fliegen, wo halb verfaultes Streuobst mit der Wiese verfroren liegt.

Während ich am Zaun mit dem Wasserschutzgebiet-Schild stehe und die Vögel betrachte, ihrem Lied lausche, das meine Nachdenklichkeit umspielt, wird mir plötzlich bewusst, wie lange ich das schon nicht mehr gehört habe. In den Geräuschen der Kleinstadt, zwischen all den Autos und Menschen, den lebensfeindlichen Fassaden der Straßenzügen, ist kein Raum für Singvögel. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo nicht nur das Lied von Amsel, Drossel, Fink und Star, sondern auch ihr Gesang eher zum Alltag gehört als das Hupen von Autos, die abrupt an Zebrastreifen bremsen müssen. Dass ich ihr Fehlen erst in dem Moment bemerke, da ich es nicht mehr vermissen muss, wundert mich, dachte ich doch immer, dass man wahre Schätze erst erkennt in dem Moment, da man nicht mehr über sie verfügt.
Vielleicht bin ich aber auch einfach ein anderer geworden, bin nicht mehr der Junge vom Land, sondern ein an moderne Technik gewohnter Bursche, der mehr Zeit am Schreibtisch verbringt als in der freien Natur. Daher vielleicht meine eigene Melancholie, die sich aus dem Vermissen eines Menschen speist, der ich nicht mehr bin.

Ein ferner Knall kündigt die Rückkehr des Motorrads an, der Schwarm fliegt wieder auf, ein Schlagen schneller Flügel, dann sind sie fort, die Bäume leer. Ich warte nicht auf ihre Rückkehr.

Zwischen ihnen Nichts

So viel Nichts zwischen Allem. Wie Atome überwiegend aus leerem Raum bestehen, gibt es zwischen Menschen und ihrer Umgebung immer eine Distanz, die niemals, so sehr man sich auch bemühen mag, überbrückt werden kann. Und doch ist der Park so voll, dass ich am liebsten gleich wieder nach Hause gehen will. „Die Einheimischen“, klärt eine Dame vor mir ihre beiden Begleiterinnen auf, „kommen nie hierher. Die wissen gar nicht, wie schön sie es hier haben.“ Um mir ihrer vermeintlichen Ortskenntnis zu entgehen, verlasse ich den Weg und stelle mich ans Ufer des Teichs, um den alle Spaziergänger dieses Nachmittags kreisen wie Elektronen um das Zentralatom.
Seit fast elf Jahren lebe ich in der Kleinstadt, fünf Minuten von der Stelle entfernt, an der ich jetzt stehe. Dennoch habe ich keine Erinnerung daran, den Teich schon mal zugefroren gesehen zu haben. Dass das absurd ist, denke ich mir, aber auch, dass mein Gedächtnis ohnehin unzuverlässig arbeitet. Ich beschließe, mir den dünnen Schleier aus Schnee, der auf dem Eis liegt, besonders gut einzuprägen und mich an die goldene Sonne zu erinnern, die nicht viel mehr als meinen Geist wärmt.

Zurück auf dem Weg nähere ich mich einer langsamen Frau mit schnaufendem Hund, die zwar in meiner Richtung unterwegs ist, aber auf der anderen Wegseite geht. Ich habe sie fast erreicht, als uns ein Mann entgegenkommt, der im Passieren der Dame sagt: „Falsche Richtung.“ Doch bevor sie etwas erwidern kann, ist er auch schon zu weit fort. Sie müsste rufen, schüttelt aber nur den Kopf. Woher nimmt der Herr seine Gewissheit, frage ich mich, dass er sich auf der richtigen Seite der Dinge befindet, dass nicht etwa er im Irrtum ist? Es gibt keine Schilder, keine Rechtsprechung, die ihn bestätigten, nur Menschen, die ihre Bahnen um einen Teich ziehen, die Einen mit dem Strom, die Anderen dagegen, zwischen ihnen Nichts.

Azur wird Eisenblau

Nun da die Sonne hinter den Horizont sinkt und den erlöschenden Tag mit sich zieht, stehen die Bäume schwarz und scharf vor dem Azur eines heraufziehenden Winternachthimmels. Einzelne Flugzeuge ziehen noch rostrote Streifen auf diese Leinwand, einsam sind sie dort in der Weite. Unserer Wohnung bin ich entflohen, in der Stille der zu großen Räume schwillt jedes noch so kleine Geräusch zu seelenbetäubendem Lärm an. Hier draußen, wo es keine Wände, nur Gegend gibt, die sich nun rasch entfärbt, bin ich zwar nicht weniger allein, doch ich spüre die kalte Luft an meiner Haut, die Unebene unter meinen Schritten, eine ganze Welt, mit der ich verbunden bin. Hier draußen bin ich nicht nur ein weiteres Exponat in einem Museum. Hier erst nehme ich mich wieder selbst wahr, das erste Mal, seit Du fehlst, um mich zu sehen.

Vielleicht hat Dich diese Selbstbezogenheit vertrieben, vielleicht war es unerträglich für Dich, dass Du manchmal nur ein Spiegel meines Selbst schienst. Wenn wir sprachen, dann meistens über mich, meine Projekte, meinen Tag, mein Unverständnis der Welt, während Du meist geschwiegen hast, genickt oder – selten – mir widersprochen. Ich dachte immer, wir wären uns vor allem ähnlich, doch jetzt, da ich weniger als halb bin, sehe ich, dass wir uns nicht ähnelten, sondern einander ergänzten. Erst in Deiner Wahrnehmung von mir erkannte ich mich selbst.

Azur wird Eisenblau. Vor dem Horizont sind die Silhouetten der Bäume gerade noch zu erkennen. Bald schon wird mich Dunkel umfangen: eine ausgebrannte Sonne inmitten von Milliarden von Sternen.

Das plötzlich aufblendende Licht

Dann das Dunkel. 70 Minuten auf der Bühne, ich war Königin und Sklave, habe geplaudert, gelacht und geweint, süße Lügen und bittere Wahrheiten erzählt. Im Splitter eines Augenblicks bricht eine Nacht herein, und mit dem Licht erlischt mein Geist. Bis eben noch spürte ich Zukunft, sah Sicherheit in meiner Sprache, nun versinkt vor mir jeder Weg in sattem Schwarz.
Angst habe ich nach der Premiere. Das erste Mal hat echtes Publikum mein Stück gesehen, ein Stück, das nicht nur meine Handschrift, sondern Spuren meiner Seele trägt. Ich fürchte, dass sich in der Kleinstadt niemand für das Schicksal Homosexueller in einer Diktatur erwärmen kann. All die Granden ergrauter Gesellschaft wollen nicht gefordert werden, sondern ihr Weltbild bestätigt wissen. Sie zu erreichen ist unmöglich, während des Spielens war das so klar wie nie zuvor in den Monaten des Planens, Schreibens, Probens. Zwischendurch, in einer scheinbaren Sekunde des Stillstands habe ich aus der Rolle heraus ins Publikum geblickt, erahnte durch die Augen der Figur Menschen, die mir zusahen beim vergeblichen Ringen um verlorene Fassung. Zu erkennen, ob ich sie erreiche, war mir nicht vergönnt.

Nun also Dunkel, 70 Minuten Herzblut vorbei, mein Atem schwer von der Anstrengung, andere Menschen zu tragen. Ich atme ein und ich atme aus, der schleifende Atem in meinen Lungen, der klebrige Schweiß auf der Haut, Staub, der langsam sich setzt. Das Dunkel ist dichter noch als zuvor, dann blinzle ich in das plötzlich aufblendende Licht.

An der Wand

„Und jetzt presst den Fuß gegen die Wand.“ Sagt sie so einfach, aber als sie es vorgemacht hat, wäre sie doch auch beinahe umgefallen, wie soll ich denn dann … „Oh“, sage ich, „das ist ja einfach.“ Strecke dann beide Beine, sowohl das an der Wand als auch das andere, auf dem ich gerade stehe. Und wie gerade ich stehe! So gerade, dass meiner Übungspartnerin, die meine Hände hält, damit ich nicht umfalle, auch ein „Oh!“ entschlüpft. Dann lasse ich ihre Hände los, denn wer sich sicher fühle, hat die Kursleiterin gesagt, dürfe das tun. Bringe dann die Arme nach hinten, lege sie auf meinem Steiß ab und denke: Wow, ich hab’s echt drauf.
Was ich wirklich drauf habe, zeigt sich, als ich meinen Fuß wieder auf den Boden stelle und einen lose fußförmigen Blutabdruck an der Wand entdecke. „Oh“, sagen meine Partnerin und ich gleichzeitig. Dann schaue ich meinen Fuß an und die wachsende Blutlache darum und erinnere mich an den kurzen Schmerz von vorhin, als ich mir beim hektischen auf-Socken-von-der-Umkleide-in-den-Übungsraum-Rutschen einen Spreißel in den Zehenballen gerammt habe. „Oh“, höre ich die Kursleiterin hinter mir sagen. „Ich befürchte …“, fange ich an, sie aber unterbricht mich: „Brauchst Du einen Verband?“ Ich begucke weiter meinen Fuß und denke: Ein Loch im Boden zum Versinken wäre jetzt ganz fein. „Ja gerne“, sage ich also, bin mir aber schon nicht mehr sicher, ob ich nicht gerade ihren Vorschlag akzeptiert habe, mein Kursabo aus Schamgründen zu kündigen.

Den Rest der Stunde verbringe ich in der Umkleide, ein Taschentuch an meinen Fuß gepresst, mit dem Rücken an der Wand.

Why am I so gay?

Ich rede mir ein, ich hätte kein Problem mit meiner Homosexualität. Tatsächlich denke ich, dass eine ideale Gesellschaft sich nicht mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen müsste, weil niemand anhand von seiner sexuellen Identität beschrieben werden sollte. Mir ist es egal, wen jemand liebt, solange alle beteiligten Personen einverstanden sind. Diesen Gedanken hege sicherlich nicht nur ich. Zu hoffen ist das zumindest.
Mich verblüfft, wie wichtig mir das Thema momentan ist, wie lange vor allem ich mich einer Konfrontation mit dem Umstand verweigert habe, dass eine solche ideale Gesellschaft sich nicht von alleine erschafft. Auch wenn ich freier leben kann als die Menschen, deren Kämpfen und Opfer ich eben diese Freiheit verdanke, ist doch noch nicht alles gut.

In meinen Recherchen für ein aktuelles Theaterprojekt bin ich auf folgendes Video gestoßen, das mich zutiefst berührt und beschämt hat. Thomas Lloyd von der Georgetown University berichtet darin von seiner Erkenntnis, warum er für die Gleichberechtigung der nicht-heterosexuellen Minderheiten kämpft. Wichtiger aber vor allem aber ist, wie er das macht: Indem er sichtbar ist. Indem er sich nicht versteckt, sondern der heterosexuellen Mehrheit immer wieder bewusst macht, dass es außerhalb der patriarchalen Familienstruktur auch noch andere, nicht weniger schlechte Lebenswege gibt.
Beschämt hat mich Thomas‘ Vortrag vor allem darum, weil ich nicht so handle, weil ich nicht auffalle, im Gegenteil empfand ich in der Vergangenheit sogar einen heute nicht mehr nachvollziehbaren Stolz, dass man mir meine Homosexualität nicht ansieht. Wie er aber sehr deutlich ausführt: Es ist nicht genug, die Schultern der Riesen, auf denen wir stehen, als natürlichen Grund anzusehen. Wir müssen darum kämpfen, dass uns diese scheinbare Normalität nicht abhanden kommt.

Die müßige Arbeit

„Wieviel ist genug?“ – „Naja, definitiv nicht zu wenig. Dann ist nicht genügend Platz. Aber auch nicht zu viel. Nicht dass er platzt, bevor Du ihn zugeknotet hast.“ Wir basteln eine Piñata, was natürlich eine müßige Arbeit ist. Aus meiner Grundschulzeit habe ich ein Schwein aus Pappmaché bis in mein Studium gerettet. Bei einer Party in meiner ersten WG wurde es dann von Bekannten eines Mitbewohners auf der trunkenen Suche nach Drogen zerstört. Gemessen an der allgemeinen Überraschung über meinen darauf folgenden Nervenzusammenbruch hatten alle den sentimentalen Wert eines Luftballons im gefärbten Zeitungsmantel unterschätzt. Wie man sich irren kann. Auch über die eigenen Vorstellungen von der Welt, die man immer als sicher gefügt sich denkt, bis man ihre Fragilität erkennt.
Übliche Piñatas werden mit Süßigkeiten (oder offenbar Drogen) gefüllt, was das Draufhauen zu einem großen Partyspaß macht. Wir dagegen werden all unsere Sorgen die Zukunft betreffend auf Zettel schreiben, die wir dann in die Pappmaché-Kugel stecken. ‚Trump‘ steht da und ‚Höcke‘, aber auch ‚Brexit‘ und ‚Gesellschaftsversagen‘. Ich schreibe ‚Bauschaumbaguette‘ auf einen Zettel, weil ich mich nicht mehr mit der Realität befassen will. Am liebsten würde ich mich selbst in das Dunkel der Piñata setzen, wüsste ich nicht, dass ihr einziges Schicksal das einer Zerstörung ist.

„Das ist eine blöde Idee“, sage ich, „sollten wir nicht viel lieber unsere Wünsche an die Zukunft aufschreiben, damit wir uns freuen, wenn wir die Piñata zerschlagen?“ Du lächelst mich an, als hätte ich endlich ein besonders schweres Rätsel gelöst. „Wir werden sie so bauen, dass nichts sie zerstören kann. Dann werden wir sicher vor allem sein, was uns Angst macht.“ – „Oh“, sage ich, und dann schreibe ich schnell noch ein paar schlimme Worte auf Zettel und falte sie klitzeklein.

Das nicht alltägliche Brot

„Ich habe Sie vermisst!“ Meine Baguettefrau ist wieder da, und ich bin ernsthaft erleichtert, dass die Zeit des mediokren Brotes endlich ein Ende hat. Vor fast einem Monat habe ich das letzte Baguette bei ihr gekauft, und seither habe ich mich mit Bauschaumbaguette, vollgekörntem Sprossenbrot, alltäglicher Aufbackware und überraschend enttäuschendem Selbstgebackenem über Wasser gehalten. Natürlich ist es ein ausschließliches Problem der in saturierten Gesellschaften lebenden Menschen, dass sie ihr Glück teils von der Verfügbarkeit eines handwerklich gut gemachten Backstücks abhängig machen, während im Nahen Osten immer noch täglich Dutzende Menschen bei Bombardements sterben und auch die Mittelmeerroute allen Toten zum Trotz noch immer befahren wird.
Andererseits zieht jede meiner Kaufentscheidungen Folgen nach sich, die im Fall der Baguettefrau heißen: solides Handwerk, nachhaltig angebautes Getreide in demeter-Qualität, ergo fair bezahlte Bauern und schonend bearbeiteter Boden, Artenvielfalt, vor allem aber auch regionale Produktion, was wiederum mein Abendbrot von der Zerstörung unregionaler Märkte durch Überflutung mit subventionierter Massenproduktion abkoppelt.

Tatsächlich hat sie mir auch gefehlt, weil mein spätmittäglicher Spaziergang zu ihrem Eckladen auch immer einen kurzweiligen Schwatz über arrogante Kunden, die Anforderungen des Einzelhandels an den Einzelhändler, vor allem aber über die Probleme des ambitionierten Hobbybäckers beinhaltet. Für jemanden, der nicht nur entsetzt ist über die mittelmäßigen Ergebnisse der eingerosteten Backfertigkeiten, sondern vor allem fast den ganzen Tag alleine am Schreibtisch sitzt, ist dieses kurze Gespräch fast so wichtig wie das tägliche Brot. „Schön, dass Sie wieder da sind“, sage ich also, und sie erwidert: „Ja, gell?“

Der nicht so steile Hang

Da liegt ein Kind von wohl drei Jahren im Schnee, der blaue Schneeanzug ist weißpaniert, der Hang ist definitiv nicht steil genug, um dort hinabzurollen. Mehr also eine Böschung, und das Kind liegt quer zum nicht so starken Gefälle auf dem Rücken, die Arme neben dem Körper, doch nicht nahe genug, um tatsächlich über den rechten, also abwärts liegenden Arm hinweg kippen zu können. Es holt Schwung, indem es den linken Arm nach rechts wirft, die Schulter hinterherzieht, fast nach oben wirft, dann kippt auch endlich die Hüfte, doch der rechte Arm ist zu weit vom Körper fort, das Kind kippt immer noch nicht über den Arm, sondern nur darauf, so dass es nun mit dem Gesicht im Schnee und nicht nur auf dem rechten, sondern jetzt auch auf dem linken Arm liegt, der beim Abstoßen mit der Schulter lediglich nach rechts gefallen war. Da liegt also ein Kind von wohl drei Jahren im Schnee, der blaue Schneeanzug ist weißpaniert, Gesicht und Arme auf dem Boden, der Rücken dem Himmel zu, der sich kalt und fern über den nicht so steilen Hang spannt.

Mehr also eine Böschung, an deren oberen Ende ein Mann steht und ruft: „Theo!“ Ich ahne, dass er der Vater ist, denn außer uns dreien ist niemand hier. So also ruft der Mann: „Theo! Ich will heim! Kommst Du bitte!“ Das Kind aber liegt nur rum, das Gesicht im Schnee, verblüffend regungslos. Und als ich eben noch schwanke zwischen dem Impuls, das Kind zum Atmen umzudrehen, und der Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, das Gesicht in Schnee zu drücken, das leichte Brennen des Eises auf der Haut zu spüren und die knisternde Schärfe kristallisierten Frosts und die feuchte Wärme des eigenen Atems … Als ich also noch schwanke, da ruft der Vater wieder „Theo!“ und das Kind explodiert in einer kleinen Wolke aus Schnee, wirft die Arme in die Luft, der kleine Körper hebt sich und kippt ein Stück weiter den Hang hinab und bleibt wieder auf dem Rücken liegen, den Blick auf das weite Blau geheftet, Schneeflocken an den Wimpern, das Gesicht gerötet. Und während Theo in ein Kichern ausbricht, das selbst mein gefrorenes Herz erwärmt, geht der Vater ein paar Schritte von der Kante fort und setzt sich auf die Bank, die dort steht. Als er mich grinsen sieht, guckt er bös.

Wieder die Windlosigkeit

Jahre her, da gab es in Deutschland einen Sturm, Kyrill genannt, der die Wälder und Felder mit Regen und Hagel verwüstete und alle irr und ängstlich machte, lange schon vor seinem eigentlichen Eintreffen. Damals stand ich auf dem Balkon, bebend weniger aus Sorge vor dem, was kommen mochte, denn aus einer voyeuristischen Lust heraus: den Sturm die Straßen durchtoben sehen wollte ich. Wie damals irritiert heute wieder die Windlosigkeit. Während Egon die halbe Republik umpflügt mit Regen und Schnee, Gewitter und Sturm, scheint in der Kleinstadt die Sonne auf trockene Straßen, nur eine leise Brise durchweht mir die Haare, denn für eine Mütze ist es zu warm.

Unterhalten habe ich mich gestern mit einer ehemaligen Kollegin. Hier sei es wie auf einer Insel, so fernab von allen Aufregungen lebe man hier. Hoffentlich treffe das auch auf alle anderen Besorgnisse zu, die man jetzt schon vorhersehen könne.
Gerne wollte ich ihr rechtgeben, insgeheim aber dachte ich, ein bisschen mehr Aufregung könnte der Kleinstadt nicht schaden. Andererseits: Die Zeit dafür habe ich nicht.